30. Nov 2016

Kapelle St. Bernard in La Playosa, Córdoba/AR

Text: Jo-Eike Vormittag

Photos: Nicolás Campodonico


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Es gibt sie noch: naturbelassene Orte, zwischen Zivilisation und Wildnis, die von einflussreicher Elektrizität noch nicht heimgesucht worden sind und deshalb besondere Orte der Besinnung und des Verzichts sein können. Wo kein Strom fließt, dort gibt es auch kein künstliches Licht. Wo kein Kunstlicht zum Einsatz kommt, dort bestimmt das beste aller Lichter, das Naturlicht, den Verlauf der Dinge. Buchstäblich trifft das auf die kleine, neugeschaffene Kapelle St. Bernard im Dorf La Playosa/AR zu. Denn dem Verlauf des Sonnenlichts kommt an diesem Ort eine besondere Aufgabe zu. Der Effekt ist beeindruckend.

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La Playosa selbst ist natürlich nicht abgeschnitten von allen Leitungen und Versorgungen. Doch etwas außerhalb, zwischen einem kleinen Wäldchen und wilden Feldern, hat Architekt Nicolás Campodonico die abgeschiedene, stille Kapelle St. Bernard – benannt nach dem lokalen Schutzheiligen – für die Bedürfnisse der „modernen“ Kirchgänger erschaffen. Auf dem Grundstück befand sich mal eine Hofstelle. Deren Materialien – zum Beispiel die originalen, 100 Jahre alten Backsteine – wurden für den Neubau wiederverwendet. Der Architekt entwarf aus den roten Ziegeln eine kantige Gebäudehülle, die mit dem runden Interieur kontrastiert. Die Ausstrahlung der Fassade im Sonnenlicht ist sehr robust aber gleichzeitig beruhigend-warm. Noch deutlicher wird dies im Innern des Gotteshauses.

Die Kapelle öffnet sich an einer Stelle großzügig Richtung Himmel. Das Licht kann dadurch überhaupt erst eindringen und das minimalistisch Interieur erwacht zu behaglichem Leben. Und hier spielt ausschließlich der Verlauf der Sonne eine Rolle. Nicht nur, weil die natürliche Helligkeit den Tag über die gewölbten Innenwände streichelt, sondern auch, weil sich der Architekt im Design eine Besonderheit einfallen ließ. Dynamisch wirft das wandernde Licht der Sonne die Schatten zweier separater Holzlatten, die in der Dachöffnung befestigt sind, an das Gewölbe und formiert sie, bis sie sich vor dem Sonnenuntergang treffen, als Höhepunkt zu einem Kreuz. Dem einzigen offensichtlichen, religiösen Symbol in der kleinen Kirche. Dieses Schauspiel wirkt Tag für Tag, das ganze Jahr über.

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Die Kapelle St. Bernard lebt vom natürlichen Tageslicht. Sie wird einzig und ganz traditionell von der Sonne gespeist. Und erst durch ihr Licht – bis zwei schlichte und unscheinbare Schatten sich treffen – wird ein christliches Symbol erkennbar. Ein Gotteshaus also, das gerade durch sein Understatement besticht.


Architekt: Nicolás Campodonico


www.nicolascampodonico.com

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