16. Okt 2015

Der Architekturstil der Zukunft wird vom Licht definiert
Diskussionen im Rahmen des Velux Tageslichtsymposiums

Text: Joachim Ritter
Photos: Velux

Die Forschung wie auch die Praxis sind sich einig: Der Architekturstil der Zukunft ist erneut im Wandel begriffen und wird sich in absehbarer Zeit dramatisch verändern. Die treibenden Parameter des Wandels sind die Energieeffizienz, das menschliche Wohlbefinden und unsere Gesundheit, wie auch die Digitalisierung unserer Welt. Nur unschwer ist zu erkennen, dass Licht bei allen drei dieser Parameter eine zentrale Rolle spielt. Und noch entscheidender ist, dass natürliches Licht die Lösung für zahlreiche unserer Aufgaben darstellt. Wir können eine Renaissance der natürlichen Lichtkultur in der Architektur registrieren, aber auch eine Lichtarchitektur 4.0…

Insbesondere die Energiefrage wird Architekturlösungen hervorbringen, die nicht nur von Tageslicht geprägt, sondern von ihm auch definiert sein werden. Politisch aktuell definierte Ziele geben kaum eine andere Alternative, das natürliche Licht wieder in das Zentrum der Gestaltung zu legen. Bis zum Jahr 2100 soll unsere Gesellschaft nach aktueller politischer Zielsetzung ohne Ausstoß von CO2 in die Umwelt auskommen. Dieses ist aktuell nochmal eine Ausweitung der erst vor einigen Jahren definierten Beschränkung des durchschnittlichen globalen Temperaturanstiegs auf zwei Grad, dessen Erreichen Experten schon jetzt in Gefahr sehen. Damit ist Forschung und Praxis mehr als ohnehin aufgefordert, praktikable Zukunftslösungen mit nachhaltigen Energieressourcen zu erschließen. Fast noch entscheidender ist jedoch die Erkenntnis, dass kein Licht dieser Welt für unser Wohlbefinden und die Gesundheit eine größere Rolle spielt wie das Tageslicht. Was in der Fachwelt schon seit Jahren diskutiert wird, ist in der breiten Öffentlichkeit und in der Politik bisher nur eine Randnotiz. Auch die Umsetzung in die Praxis lässt noch zu wünschen. Das Jahr des Lichtes, welches die UN und UNESCO für 2015 ausgerufen hat, hat jedoch einiges bewegt und in Architekturkreisen wie auch der Gesellschaft das Thema an Bedeutung gewinnen lassen. Prof. John Dudley, einer der Initiatoren des Jahr des Lichtes berichtete im Rahmen des zum sechsten Mal veranstalteten Velux Tageslichtsymposiums 2015 in London von den zahlreichen Aktionen, die global im Jahr des Lichtes stattgefunden haben und beginnen, ihre Wirkung zu zeigen. Obgleich der ursprüngliche Ansatz für IYL – International Year of Light die Welt der Optik und der Photonen war, hat sich eine gesamte Branche mit dem Thema identifiziert und die Chance wahrgenommen, nachhaltig über die Kraft des Lichtes zu informieren. Bis hin zum Tageslicht werden die Debatten detaillierter und intensiver geführt. Und so gewinnen Diskussionen über die Nutzung des Tageslichtes in der Architektur an Dynamik. Insellösungen der aktiven energetischen Erschließung durch Tageslicht werden ebenso in die Architekturkonzepte integriert wie die passive Nutzung. Gebäude sind ebenso Teil der Diskussionen wie auch Stadtplanung unter Berücksichtigung von Tageslichtaspekten.

Moderne Computerprogramme wie UMI helfen nun erstmalig auch städtische Planung energetisch und tageslichttechnisch zu optimieren. UMI (Urban Modelling Interface) ist ein Rhino-basierte Entwicklungsumgebung für Architekten und Stadtplaner, die sich für das Modellieren der Ökobilanz von Wohngegenden und Städten in Bezug auf operative und graue Energienutzung, Fußläufigkeit und Tageslichtpotenzial interessieren. UMI wird vom Sustainable Design Lab am Massachusetts Institute of Technology entwickelt – mit Unterstützung von einem National Science Foundation EFRI_SEED Projekt, der MITEnergie-Initiative, dem Kuwait-MITCenter, dem Center for Complex Engineering Systems (CCES) bei KACST und MIT, Transsolar Klimaengineering und United Technologies Corporation. Sich zusammenschließen (Kräfte starker zu bündeln) ist aktuell die Maxime für Entwicklungen. Dabei wird deutlich, dass viele Planer in der Vergangenheit die gestaltende Kraft des Tageslichtes in den Konzepten vernachlässigt haben. Viele architektonische Räume scheinen sich von der Atmosphäre kaum zu unterscheiden und zu einer uninspirierten Form zu verkommen. Man fühlt sich gefangen in einer Box, obgleich genügend Fenster zum Entkommen vorhanden wären. Außerhalb dieser Box zu denken, fällt schwerer und schwerer. Und auch die Literatur hat uns nicht ausreichend zu bieten, wenn es um die Frage geht, wie natürliches Licht als gestaltendes Element im Raum eingesetzt werden kann. Die neuen Forderungen an energetische Einsparung und die als Zwang empfundene Nutzung von Tageslicht hat uns eher in eine Situation versetzt, in der wir das Licht und die Architektur vor lauter Helligkeit nicht mehr erkennen können. Oder aber die Fensterflächen sind derart klein, dass die gestaltende Kraft des Tageslichtes nicht zum Zuge kommen kann. Es ist also an der Zeit, das natürliche Licht als Chance zu begreifen und Architekten diesen Ansatz erneut zu vermitteln. Die aktuell definierten Standards sollten dabei nicht als ausreichendes Maß der Dinge betrachtet werden. Denn Normen sind als Relikt der Vergangenheit das Minimum der Sehfähigkeit zu definieren. Dabei unberücksichtigt bleiben aktuell noch die energetischen Aspekte wie auch die Elemente des Wohlbefindens. Der Wandel und die Diskussionen haben in den entsprechenden Arbeitsgruppen gerade erst eingesetzt und werden erst in den kommenden Jahren zu neuen Definitionen von Standards führen. Auch sind weitere Forschungsprojekte erforderlich, um wissenschaftliche Grundlagen auf eine breitere Basis zu stellen. Standards sind insofern aktuell eine Definition der Grenze zu inakzeptabler Lichtarchitektur und ihrer rechtlichen Legitimation. Diese Grenze allerdings gilt es, in der absehbaren Zukunft zu verschieben und neu zu definieren und damit die Tageslichtqualität in den Planungsprozessen und in der Architektur zu erhöhen. Das Daylight Symposium des Initiators Velux stellt aktuell in diesem Zusammenhang eine bedeutende Plattform für Forscher und Praktiker dar. Im zweijährigen Rhythmus wird in dem internationalen Treffen neues Wissen der Forschung diskutiert und für praxisnahe Architekturformen vorbereitet. Der Fokus des aktuell einsetzenden Wandels liegt deshalb auf dem Design. Dieser Trend ist auch in anderen Produktgruppen unserer Gesellschaft deutlich. Das Mobiltelefon ist das Paradebeispiel für diese These. Technisch bietet nahezu jeder Hersteller das gleiche Produkt. Das Design bewirkt den Unterschied und definiert so die Qualität. Auch in der Architektur werden Design und Kreativität wieder zum Erfolgsfaktor und Individualität. Der Genius Loci, und in der Folge auch der Licht Loci, bestimmt die individuellen Anforderungen an Tageslichtarchitektur. Hierzu ist ein breites Wissen des Planers, sei es Architekt oder Fachplaner wie der Tageslichtdesigner, erforderlich. Tageslichtplanung, aber insbesondere das Wissen um das Wohlbefinden und die gesundheitlichen Aspekte des natürlichen Lichtes werden in absehbarer Zukunft insofern die Architekturformen definieren. Weiterbildung und Verständnis müssen Eingang in die Architekturwelt finden. Denn auch in diesem Bereich des Fachwissens hat Nelson Mandelas Zitat Gültigkeit: (Weiter)Bildung ist die stärkste Waffe, um die Welt zu verändern.

www.velux.com

 

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