27. Jul 2017

„Voûtes Célestes“ in der Saint-Eustache Kirche in Paris/FR.

Text: Jo-Eike Vormittag
Photos: Miguel Chevalier


Die Architektur alter Kirchen stammt in der Regel aus sehr prägenden Kulturepochen, sie ist imposant und aufwendig. Erst recht, wenn man sie mit den heutigen oft aalglatten, viel weniger schnörkeligen Bauten vergleicht. Doch gerade den altehrwürdigen Gotteshäusern fehlt es gewissermaßen an Lebendigkeit: Kirchgänger oder Gläubige bleiben aus. Projekte, welche die großen Räume alternativ nutzen, geben es nicht, oder sind wegen der sakralen Nutzung nicht gern gesehen. Selten gibt es Ausnahmen.

„Voûtes Célestes“, realisiert als Teil der letzten Nuit Blanche in Paris, ist allerdings eine davon. Geschmäcker sind unterschiedlich, die Meinungen darüber wohl auch. Doch dank der dynamisch-farbigen Lichtprojektion von Miguel Chevalier im Zusammenspiel mit der gotischen Architektur der Pfarrkirche Saint-Eustache mit Renaissance-Elementen trafen in jedem Fall Historie auf Moderne, und zwar in besonderer Weise. Zumal die poppige Installation zweifellos Besucher in die Kirche lockte, die sich für die Betrachtung und den Genuss ganz unkonventionell im kirchlichen Raum bewegten, sich auf den Boden setzten oder einfach hinlegen konnten, um Richtung Himmel zu blicken.

Künstler Miguel Chevalier illuminierte mithilfe von mehreren Projektoren sich bewegende Kunstwerke an das zentrale und kreuzförmige Dach des Kirchenschiffs. Insgesamt 35 farbig-abstrakte Himmelsdarstellungen bewegten sich nacheinander über das Deckengewölbe, entfalteten sich oder zogen sich wieder zusammen. Gitter, die sich in einem Moment formierten, um sich kurzdarauf wieder loszulassen. Begleitet wurden sie von fast psychedelisch-klingender Orgelmusik, die vom kircheneignen Organisten eingespielt wurde. Licht, Farbe und Musik im Einklang ließen an diesem Ort eine neue Virtualität entstehen, gaben dem göttlich gefüllten Gebäude neue, moderne Energie und öffneten die räumliche Begrenzung Richtung Himmel auf ihre Art.

Auch wenn das spielende Farblicht wie ein Fremdkörper in der alten Kirche wirkte, hob es doch auf mutige und unkonventionelle Art die Architektur hervor. Das Licht folgte der Architektonik. Ihre Formen wurden – anders als sonst, da Kirchen nur wenig Kunstlicht nutzen – ausnahmsweise in genau dieses getaucht. Sie erwachten durch Licht, grelle Farbe und Bewegungen in Echtzeit zu Leben. Und: wenngleich es kein Gottesdienst ist, der von Gläubigen leben könnte, betraten auf diesem Wege doch viele Menschen das imposante Gotteshaus aus dem 16. Jahrhundert. Eine gute Möglichkeit für die Kirche samt Gemeinde, für sich zu werben. Kirche kann auch zeitgemäß.


Video:


Design: Miguel Chevalier

Software: Cyrille Henry und Atoine Villeret

Technische Produktion: Voxels Productions


www.miguel-chevalier.com


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