Auftraggeber: Asamblea Espiritual Nacional de los Bahá'ís de Chile

Architektur: HPA - Hariri Pontarini Architects Toronto – Siamak Hariri, Doron Meinhard, Justin Ford

Landschaftsarchitektur: Juan Grimm

Lichtdesign: Limarí Lighting Design – Pascal Chautard, Francisca Nicoletti, Carolina Roese, Raúl Osses, Magdalena Roa, Cristina Fahrenkrog

24. Mai 2018

Neubau eines Hauses der Andacht der Bahá’í in Santiago de Chile/CL.

Text: Jo-Eike Vormittag
Photos: Aryeh Kornfeld, Justin Ford


Innerhalb des Bahaitums, einer weltweit verbreiteten Religion, gilt ein besonderer Grundsatz. Die sogenannten „Häuser der Andacht“ sollen so perfekt wie möglich gebaut werden. Ihr Religionsstifter selbst schrieb, dass sie so vollkommen gemacht werden sollen, wie es in der Welt des Seins möglich sei. Mit entsprechend hohen Ansätzen realisieren die Bahá’í Neubauten ihrer Andachtshäuser. Weltweit gibt es allerdings auch nur acht von ihnen; das letzte entstand auf dem südamerikanischen Kontinent vor den Toren der Metropole Santiago de Chile.

Es stellt sich die Frage, wie die Bahá’í diesen Glaubensgrundsatz in der Moderne realisieren und welche Rolle die Lichtgestaltung dabei spielt.

Im „Buch der Gewissheit“, die von Bahá’u’lláh verfasste heilige Schrift, wird der Religionsstifter noch deutlicher: „…und schmückt sie (die Häuser der Andacht, Anm. d. Red.) mit dem, was ihnen gebührt, nicht aber mit Bildern und Skulpturen. Sodann feiert darin (…) den Lobpreis eures Herrn, (…), sein Gedenken erheitert das Auge und füllt das Herz mit Licht.“

Nicht der einzige Bezug zum Licht, den die Religion nimmt. Ihre Anhänger glauben an die Einheit der Menschheit in Vielfalt; daran, dass das Licht der Einheit zwischen Menschen anbricht. Vielleicht steckt darin bezogen auf Architektur auch die ideale Basis für gute Lichtgestaltung eines ihrer Gebäude.

Schauen wir uns den beeindruckenden Neubau in Chile genauer an. Er ist mit Abstand der modernste seiner Art und strahlt dennoch eine gewisse Tradition aus. Häuser der Andacht sind in aller Regel kreisrund, verfügen über neun Eingänge, die den Anhängern der Weltreligionen symbolisch als Zutritt dienen sollen, und haben eine lichtdurchflutete Kuppel als Verbindung zum Himmel. Gemäß des Glaubens, losgelöst von Klerus, Priester oder Gottesdienst, sind sie Orte der Meditation und des Gebets. Sie stehen allen Menschen zur Verfügung. Dies diente den Architekten als Gestaltungsgrundsatz, da das neue Haus nicht wie Moschee, Kirche oder Synagoge, stattdessen tolerierend neu, von allen Seiten offen und umfassend sowie transparent aussehen sollte.

Der erste Blick auf das Gebäude erinnert an eine Blüte. Dafür braucht es keine blumentypische Farbpracht – die Form an sich und ein von außen sichtbarer, besonderer Lichteffekt reichen aus. Neun geschwungene Blütenblätter bilden den wesentlichen Teil der Fassade. Zwischen ihnen ist jeweils etwas Platz für vertikale klare Zwischenfenster gelassen. Vom breiten, runden Fundament laufen Blätter und Fenster zur Dachspitze zusammen, wo sich ein kleiner Oculus befindet. Wie eine sich zur Sonne hin leicht öffnende Blüte steht das Andachtshaus am Fuße der Anden; sanftes Licht scheint wie Sonne bei einem Original in der Natur durch die Blätter und offenbart neue Strukturen im Kern. Der Effekt wird ermöglicht durch einen semitransparenten Marmor im Innern und durch eine enorme Fläche geschwungener Gussglasplatten von außen. Beides ummantelt die primäre, erdbebensichere Stahlstruktur des Baus und zeichnet durch viele aneinander gesetzte Platten sowie die transluzenten Eigenschaften feine Adern.

Nach außen hin entsteht dadurch eine effektvolle, anziehende Lichtszene, die die Transparenz der Tempelkonstruktion und seiner Materialien zeigt und ihn als lichtemittierende Kreation präsentiert. Das aber funktioniert auch durch weitere Lichtinszenierungen im Innern des Gebäudes. Tagsüber reicht das durch Marmor, Glasflächen, Fenster und Oculus einfallende Sonnenlicht, um Helligkeit zu schaffen und durch den Raum zu leiten. Als diffuses Licht scheint es nach außen. Innendrin entsteht derweil dadurch und durch ergänzendes Kunstlicht die zweite Lichtszene des Tempels: die Beleuchtung erzeugt einen warmen und monastischen Charakter. Ein gutes Konzept für die Innenraumbeleuchtung war notwendig. Es verstärkt das Interieur, die Formen und Materialien ohne diese Vollendung an sich mit neuen Elementen zu stören. Der Haupteffekt wird durch indirektes Licht generiert. Dieses stammt vor allem von elliptischen Verteilungsstrahlern, die im Zwischengeschoss installiert sind. Deren Licht wirkt sich auf Mobiliar sowie Blütenblätter und Formen aus. Die Materialien aus Marmor, Holz, Bronze und Glas werden unterstrichen und verstärken den lichtverteilenden Effekt selbst.

Es gibt lediglich zwei eigens entwickelte Leuchtentypen, die sichtbar sind. Kleine Hängeleuchten sind von den marmorierten Blütenblättern abgependelt, um Sitzbereiche und Treppen zu beleuchten. Im Erdgeschoss stehen zwischen den Bänken zudem kerzenähnliche Stehleuchten. Sie ergänzen die Allgemeinbeleuchtung und verleihen dem 30 Meter hohen Gebäude menschliches Maß. Mithilfe einer Steuerung wird das Kunstlicht verwaltet, um Helligkeit anpassen oder verschiedene Atmosphären kreieren zu können.

Die Gestaltung des Bahá’í-Tempels in Chile erzeugt Effekte, die durch äußerliche sowie innerliche architektonische und lichtgestalterische Aspekte generiert werden. So wirken sie auch: von außen und innen sicht- und fühlbar und ideal für Spiritualität, Meditation und Gebet. Die große Kuppel wird zu einem atmosphärisch erleuchteten Himmelszelt, wenn man unter ihr beziehungsweise in ihr steht. In der Nacht emittiert das Gebäude ein sanftes, intimes Licht.

Der Baustil passt dabei zu den Bestrebungen der Bahá’í, hochwertige Materialien und neue Techniken anzuwenden, um langlebige, außergewöhnliche Häuser zu errichten. Für das Projekt in Santiago de Chile sollte eine Lebensdauer von 400 Jahren erzielt werden. Glücklicherweise wurde dabei auch Wert auf das Licht gelegt, denn der gewonnene Tageslichteffekt durch Glas und Marmor bleibt ähnlich wie Religionen für immer, so lange die Sonne scheint und Helligkeit schenkt. Während Kunstlicht jedoch vergänglich ist.

Wie für das Projekt sinnbildlich, verlief auch der teilhabende sowie gestalterische Weg der Lichtdesigner von außen nach innen: Lichtdesigner Pascal Chautard und sein Team begannen die Arbeit an dem Projekt ursprünglich über die umliegende Landschaftsbeleuchtung. Nach einiger Arbeitszeit daran, bat sie der verantwortliche Architekt, sich auch der eigentlichen Tempelbeleuchtung anzunehmen. Das Konzept dafür wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Architektenteam entwickelt, weil es eine grundlegende Vorstellung für die Erscheinung des Tempels in der Nacht gab – er sollte zu einem „Leuchtkörper“ werden.

Auf dieser Grundlage und mithilfe der Renderbilder der Architekten wurde zunächst der „Glüheffekt“ entwickelt und anschließend die Innenraumbeleuchtung in diesem Kontext sowie nach weiteren Analysen entsprechend monastisch gestaltet, um wunschgemäß die Raumqualität hervorzuheben.


www.hariripontarini.com

www.lld.cl


 

My opinion:

Leave a comment / Kommentieren

avatar

©2018 published by VIA-Verlag | Marienfelder Strasse 18 | 33330 Guetersloh | Germany