Architektur: Atelier Bruno Gaudin & Virginie Bregal – Raphaële Le Petit, Guillaume Céleste, Céline Becker, Nicolas Reculeau

Lichtgestaltung: L'Observatoire 1 – 8'18" – Georges Berne

Projektleitung Lichtgestaltung: Emmanuelle Sébie – Julien Caquineau

07. Mai 2018

Licht als Spannungsbogen zwischen historischem Ambiente und moderner Nutzung von Medien. Die französische Nationalbücherei Richelieu-Louvois in Paris/FR.

Text: Jo-Eike Vormittag
Photos: Takuji Shimmura


Wer Historisches renoviert, muss Licht (neu) komponieren. Kaum trifft eine Zusammenfassung in einem Satz mehr zu, als auf moderne Büchereien in altehrwürdiger Architektur. Es ist nicht so, dass moderne Mediennutzung in historischen Büchereien nicht möglich ist oder keinen Sinn macht, aber prägt doch eben dieses Umfeld den Raum stärker als die Inhalte der Bücher und die Bücher selbst. Licht muss die Aufgabe erfüllen, diesen Gegensatz zusammenzubringen, muss Historisches erhalten und moderne Nutzung von Medien ermöglichen. Die Lösung liegt in der Detailplanung des Lichtes.

Die Bibliothèque nationale de France (BnF) verfügt über vier, der Öffentlichkeit zugängliche Standorte. Der an der Rue de Richelieu, Hausnummer 58, im zweiten Arrondissement ist wohl der imposanteste aller. Er ist deshalb ein gutes Beispiel, weil dort auf sinnvolle und gute Beleuchtung mit Tageslichtbezug im Einklang mit Architektur bereits sowohl während der maßgeblichen Entstehungsphase im 19. Jahrhundert – natürlich im Kontext des damaligen Verständnisses – als auch heute im Zuge einer umfangreichen Renovierung achtgegeben wurde und wird.

Bei der erst königlichen, später kaiserlichen BnF handelt es sich um eine Universalbibliothek. Die gesammelte Literatur stammt aus allen Fachgebieten, allen Zeitepochen, beinhaltet neben Schriften auch Gegenstände wie Münzen, Medaillen, Kupferstiche, Karten, Pläne, Tonträger, Videomaterial und vieles mehr. Um all das bereitstellen zu können, erstreckt sich allein die Richelieu-Bücherei über eine rechteckige Fläche von rund 16 000 Quadratmetern. Sie nimmt einen ganzen Häuserblock ein. Das war nicht immer so. Zu Beginn und während des 17. und 18. Jahrhunderts änderte die Bibliothek ein paar Mal den Standort. Erst 1720 wechselte sie innerhalb der Rue Richelieu die Straßenseite und wurde in einem Teil des Stadtpalastes, dem Hôtel de Nevers, untergebracht, wo sie sich fortan etwas wild ausdehnte.

Architekt Henri Labrouste machte es sich schließlich zur Aufgabe aus all den Bauten verschiedener Epochen ein Ensemble zu gestalten. Er baute den Standort von 1854 bis 1875 um und ergänzte unter anderem einen großen Lesesaal (Salle Labrouste) – diese Zeit markiert die maßgebliche Bauphase der Bücherei. Das von Labrouste geschaffene Gesamtergebnis diente daraufhin auf der ganzen Welt als Vorlage; der Stil stand aus verschiedenen Gründen für Kreativität und Modernität. Für den Lesesaal entwarf der Architekt neun Deckensteinkuppeln, die den Raum idealerweise zum Studieren und Lesen mit sehr viel Tageslicht füllen. Die Kuppeln werden von Eisenbögen getragen, die sich wiederum auf 16 schlanke Gusseisensäulen zum Boden hin abstützen. Diese Art der Gestaltung wirkt sehr leichtfüßig, nimmt nicht viel Platz weg und lässt umso mehr Raum für gutes Licht. Dieses wird außerdem durch helle und hochwertige Wand und Deckenmaterialien, beispielsweise aus Marmor, unterstützt. Gemälde von grüner Natur, mit blauem und sonnenklarem Himmel an der Wand rundherum im Raum treten ebenso für diese tageslichtbezogene und lichtdurchflutete Stimmung ein. Um in einer Bibliothek die Risiken einer Gasbeleuchtung zu vermeiden, wurde die Bnf-Richelieu anfangs zunächst gar nicht mit Kunstlicht ausgestattet. Erst mit der Elektrizität wurden zu Beginn der 1920er-Jahre ein paar wenige Leuchten installiert. Diese sind zum Teil noch heute, nach einem zeitgemäßen Update, in Benutzung …

Seit 2007 befassen sich das Architekturbüro von Bruno Gaudin mit der baulichen Renovierung des bedeutenden Bibliothekstandortes sowie das Büro L’Observatoire 1 und die Gemeinschaftsagentur 8‘18“ mit der Überarbeitung der Beleuchtung innerhalb des Komplexes. Die ersten praktischen Maßnahmen werden seit 2010 realisiert. Die Hälfte des Bibliothekgebäudes entlang der Rue de Richelieu wurde geschlossen und bis Dezember 2016 umfangreich renoviert. Der andere Gebäudeteil, gelegen an der Rue Vivienne, wird nun bis 2020 bearbeitet. Was Schöpfer Henri Labrouste als bloßer Architekt vor rund 150 Jahren begann, erhält somit nun ein gebührendes Update. Und zwar, um den in diesem Fall bestehenden hochwertigen und funktionalen Komfort der Innenräume zu erhalten, nicht nur in Sachen Architektur, sondern auch bezogen auf Mobiliar und eben der Beleuchtung. Für letzteres sollte Labroustes Grundlage genutzt werden: möglichst viel natürliches Licht und diskrete künstliche Beleuchtung, die in die Architektur integriert ist und mit dieser harmoniert.

In der sogenannten Labrouste Halle wurde die Beleuchtung deshalb zurückhaltend aktualisiert. Nach wie vor dringt dort wie schon zu damaligen Zeiten viel gutes, aber nicht zu starkes direktes Sonnenlicht durch die Opaia ein. Riesige Wandfenster aus opakem Glas unterhalb der Decke dienen als weitere Lichtquellen. Im Übergang von den Eisenbögen der Kuppeln zu den Bodensäulen sind Spots installiert, die die Kuppeln nach oben hin dezent ausleuchten. Zusätzlich erhellen warmweiße LED-Leuchten, die schräg unter dem ersten raumumlaufenden Gehweg montiert sind, die unteren Bücherregale. Der Effekt dieser Lichtlösung mildert die schweren Raumkonturen ab und enthüllt die Schätze der Sammlung, die sonst wohl auch etwas im Schatten des darüber verlaufenden Rundwegs stünden. Die berühmten, historischen und auf allen Tischen platzierten Leuchten aus grünem Opalglas und Bronze wurden restauriert und mit Glühlampen ausgestattet.

In der Auguste Rondel Galerie, aber auch in den anderen zentralen Büchereiräumen, helfen künftig dezent-kleine Erkennungsleuchten, die an den Fronten der traditionellen Regalgruppen aus dunklem Holz angebracht sind und Nummern zeigen, bei der Orientierung. Die Regale selbst werden nochmal durch LED-Streifen, jeweils auf dem Mobiliar selbst und mithilfe von Haltern mit 30 Zentimeter Abstand montiert, beleuchtet. Die massiven Bücherregale sind innendrin und nach außen offen, wodurch mehr Licht in den großen mehretagigen Räumen verteilt werden kann. Auch die umlaufenden Wege in Gitterstruktur unterstützen diesen Effekt. Diskret aber ebenso funktional sind auch die rechteckigen Einbaudeckenleuchten in den Korridoren und Büros. Die von linearen Leuchtstofflampen hinterleuchteten Abdeckungen bestehen aus opaken Siebdruckpaneelen und geben anhand von zum Beispiel Fotos, Manuskripten, Karten oder Plänen Informationen zu Abteilungen der Bibliothek.

Der Manuskriptraum hingegen ist als einer der wenigen mit sehr offensichtlicher aber genauso maßgeschneiderter Beleuchtung ausgestattet. Eine auffällig moderne und einzigartige lineare Pendelleuchte mit einem schmalen Gehäuse aus poliertem Metall sorgt über 47 Meter für eine Direktbeleuchtung der Lesetische darunter sowie für eine indirekte Beleuchtung der Wandflächen zwischen den Fensteröffnungen, um das einfallende Tageslicht auszugleichen und die Kontraste im Raum zu reduzieren. Obwohl ihre Form und Erscheinung in dem historischen Umfeld eher auffallend-modern ist, tritt sie dennoch in einen harmonischen Dialog mit der Architektur und dem Interieur. In der Lobby hängt ein neu geschaffener, herrschaftlicher Kronleuchter aus Glas. Aber auch historische Kronleuchter wurden an anderer Stelle erhalten und aufbereitet. In allen anderen Bereichen der BnF-Richelieu wird auf lineares LED-Licht zurückgegriffen. Lange Regalreihen und Tische werden so gut ausgeleuchtet. Die LEDs sind in fast allen Fällen unauffällig in das jeweilige Rauminterieur integriert.

Licht ist nicht einfach leuchtende Dekoration, die zum Schluss eines Projekts ergänzt wird oder aber bloßes Luxusprodukt. Licht ist und liefert im modernen Sinne Raum-und Lesequalität. Die Lichtdesigner um die Agentur 8‘18“ haben das zunächst mal von damals als erstaunlich gute Basis so vorgefunden – und das ist eher selten – und dann daraufhin ein effektives, zeitgemäßes und vor allem geeignetes Beleuchtungskonzept (weiter) entwickelt. Und das obwohl sie es mit einem Gebäude und einer Architektur zu tun haben, die sehr bedeutsam, historisch-schwer und hochwertig sind. Die feinfühlige Umsetzung integriert sich in die eigentlich luxuriöse Architektur, sie nimmt die Historie als Basis und textet neue Lichtzeilen drum herum. Das führt dazu, dass die Innenräume der französischen Nationalbibliothek am Standort Richelieu dank der Beleuchtung komfortabel, schön und funktional sind.


www.8-18lumiere.com


 

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