Auftraggeber: Bistum Kericho

Architektur: John McAslan + Partners

Ausführende Planung: Triad Architects Ltd

Lichtgestaltung: Arup

Verglasung und Dekorationen: John Clark, Glasmaler

08. Jun 2018

Ein Dach mit Spaltmaß: die Sacred Heart Kathedrale in Kericho/KE.

Text: Jo-Eike Vormittag
Photos: Edmund Sumner


Das Klima in der südlichen Region Kenias, dem Kericho County, ist warm und gemäßigt. Deshalb verfügt der Bezirk über sehr viel Landwirtschaft und ist er das bedeutendste Teeanbaugebiet des Landes. Die Stadt Kericho in äquatorialer Umgebung ist das Zentrum des gleichnamigen Bezirks, in dem sich gleißende Zenitsonne und Regenwolken-bedeckter Himmel fast täglich abwechseln und somit auch die Lichtintensität der Sonne stark schwankt. Eine Herausforderung für Architektur und Lichtgestaltung der im Hochland gelegenen neuen Sacred Heart Kathedrale, für die natürliches Licht von Beginn an eine tragende Rolle spielen sollte.

Dass diesem im christlichen Glauben eine hohe symbolische Bedeutung zukommt, ist allgemein bekannt. Diesen referenzierenden Faktor lassen wir somit – auch wenn er hier ebenso zugehörig ist – weitestgehend aus. Wir blicken auf die besondere Architektur und darauf, dass diese durch Tageslicht zum Leben erweckt wird. Mehr noch: ebenso die Materialität des Gebäudes in Form von Beton und viel Holz lebt vom Licht, welches die Interaktion verantwortungsvoll auslöst. Doch wo kommt die natürliche Beleuchtung her, bei einer von außen ziemlich verschlossen und fensterlos wirkenden Architektur sowie einem Dach, das von außen als spitzzulaufendes, geschlossenes und gedecktes Satteldach erscheint?

Das Gebäude bietet rund 1500 Gläubigen Platz. Es steht im Hochland Kenias mit Blick über die endlosen Teeplantagen sowie die umliegenden Hügel. Wer sich nähert, dem fällt die Gebäudestruktur beziehungsweise die Form des mit Tonziegel gedeckten Daches auf. Wie zwei imposante, gespreizte Vogelflügel strecken sich die Hälften zu den Seiten aus und wölben sich an ihren Enden noch einmal. Es hat eine Fläche von über 1375 Quadratmetern. Weiteres markantes Merkmal ist das aufsteigende Volumen der Kathedrale. Zum Altar hin erweitert sich das Kirchenschiff, was der Gemeinde während der Messe einen emotionalen, tiefergehenden weil öffnenden Effekt beschert. Zu beiden Querschiffen hin, unterhalb des gewölbten und überstehenden Dachs öffnet sich das Gebäude sehr wohl an mehreren Stellen zur Umgebung hin. Das schafft nicht nur fließenden Lichteinfall in Bodennähe – also dort wo sich die Gemeinde sowohl drinnen als auch draußen aufhält, sondern sorgt auch für eine gute Belüftung.

Was von außen architektonisch noch kantig und geradlinig ist, löst sich im Innern wohltuend auf. Dabei steht das Dach mit aufsteigendem Gewölbe und geschwungenen Betonpfeilern im Fokus. Eine, dem Dach vorstehende, ebenso geschwungene Zwischendecke aus nah beieinander liegenden Holzleisten verbirgt zunächst optisch die innerbauliche Sekundärstruktur und erzeugt aber vor allem Wechselspiele aus Licht und Schatten.

Denn, nun der Clou: das besondere Satteldach ist im Firstbereich gar nicht geschlossen, sondern durchtrennt von einem verglasten, sich zum Altarraum erweiternden Spalt durch den Sonnenlicht eindringen kann. Ist das Licht bei hochstehender Sonne – die Messen in der Kathedrale finden in der Regel tagsüber statt – mal zu direkt, verteilt die lichtstreuende Holzleistenverkleidung und Verglasung es ausgewogen im Raum. Ein weiteres vertikales Fenster befindet sich in der Stirnseite des Gebäudes über dem Altar. Natürliches Licht ist, wie eingangs erwähnt, Kern des Design- und Funktionskonzepts. Alle damit zusammenhängenden Öffnungen sind in die Bausubstanz integriert. Das zentrale, mittig verlaufende Dachfenster wird durch das Altarfenster und die seitlichen Gebäudeöffnungen vervollständigt. Diese Kombination aus natürlichem Licht aus verschiedenen Richtungen sorgt dafür, das Licht im Einklang mit hellholzigem Interieur und maschinengeschliffenem blauen Nairobi-Bodenstein überall verteilt wird – und nicht bloß die durch das Dachfenster erleuchtete Mitte des langgezogenen Kirchenschiffs erhellt wird.

Um diesen Designeffekt des Tageslichts insgesamt noch zu vervollständigen, sind einige künstliche Leuchten im Raum ergänzt. Dazu gehören hoch oben im Raum unterhalb des Dachfensters befestige Stromschienenstrahler und eine Reihe von Downlights, die in die Holzdecken der äußeren Querschiffe drinnen und draußen eingebaut sind.

Das Projekt – ausgezeichnet mit Preisen für Ingenieur- und Beleuchtungslösungen – ist darauf ausgelegt, weniger Energie zu verbrauchen und einen geringen Wartungsaufwand zu verursachen. Diese gewisse Nachhaltigkeit liegt zum einen in der Tageslichtplanung, aber auch in den verwendeten Materialien, die allesamt aus der Region stammen.

Somit wirken das Gebäude und sein Konzept zwar auf den ersten Blick eher simpel wenngleich optisch spektakulär, doch auf den zweiten Blick offenbart sich dann, dass es genau dadurch so gut funktioniert. In der Einfachheit liegt Kreativität, zumindest in diesem Fall und vor allem bezogen auf das Lichtdesign, welches wiederum enormer integraler Bestandteil der Architektur ist. Beides geht rücksichtsvoll Hand in Hand, keines von beiden will sich in den Vordergrund rücken. In der Sacred Heart Kathedrale ist kein Platz für einen Fürst der Finsternis, sondern für einen First der Helligkeit.


www.arup.com


 

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