Projektbeteiligte:


Auftraggeber: Privatklinik St. Vincent’s, Sydney/AUS
Architekten: Woods Bagot, Sydney/AUS
Lichtdesign: Steensen Varming, Sydney/AUS

 

Spezifizierte Produkte:


Austube
Klik Systems
Xenian
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Sylvania
Lucifer
Regent
Zumtobel
ACDC
Whitegoods
Pierlite

04. Jun 2014

Heilen helfen

Text: Alison Ritter
Photos: Tyrone Branigan

Im Allgemeinen wird Gesundheit — und besonders die psychische Gesundheit — von jungen Menschen aktuell weitgehend vernachlässigt. Man geht davon aus, dass Menschen dieser Altersgruppe unter den Gesündesten überhaupt sind. In Wahrheit leidet jeder zehnte Jugendliche an einem oder mehreren psychischen Störungen. Solche Störungen sind oft eine unmittelbare Reaktion darauf, was gerade im Leben der Kinder oder Jugendlichen vorgeht. Sie können in Form von Depressionen, Angstzuständen und Verhaltensstörungen, Drogenmissbrauch, Schizophrenie und manisch-depressiven Störungen sein – und lediglich die Hälfte der jungen Menschen, die eine Behandlung benötigen, ist in Behandlung. Diese Situation kann nicht von heute auf morgen behoben werden, aber jeder Schritt in die richtige Richtung zählt. Die psychiatrische Klinik für junge Erwachsene im Spital St. Vincent in Sydney ist ein solcher Schritt.

Das Projekt umfasste den Ausbau zweier Geschosse im St Vincent’s O’Brien Centre mit 20 Betten für stationäre Patienten, eine private psychiatrische Beratungsstelle und eine Notrufstelle. Das Ziel des Bauherrn war, eine beispielhafte Privatklinik als Teil des bestehenden Krankenhausbetriebs zu integrieren, die zur Behandlung psychisch kranker Jugendliche mit einer Psychose im frühen Stadium oder krankhaften Stimmungsschwankungen ausgestattet ist. Diese Entwicklung sollte die Lücke in den Betreuungs-Dienstleistungen spezifisch für junge Menschen zwischen 16 und 30 mit einer Psychose oder ernsthafte Stimmungsstörungen wie Depression und bipolare affektive Störungen füllen und ein Vorbild für Australien sein.

Das Team vom Lichtplanungsbüro Steensen Varming bewarb sich um das Lichtdesign für das Projekt und wurde beauftragt, ein Konzept zu entwickeln und zu planen. Es ging in diesem Fall um den Entwurf und die Bauausführung des Projekts, wobei der Bauunternehmer alle Dienstleistungen bietet, sämtliche Fachplaner und Handwerker beauftragt und das zu realisierende Konzept umsetzt. Die Lichtdesigner von Steensen Varming hatten weiterhin die Aufgabe, die Realisierung des Lichtkonzeptes während der Bauphase zu beaufsichtigen. Nach Erteilung des Auftrags, und um sicher zu gehen, dass die Beleuchtung und die Architektur nahtlos zusammen passten und sich gegenseitig ergänzten, arbeiteten die Lichtplaner eng mit den Architekten (Woods Bagot) zusammen, die eine sehr klare architektonische Vorstellung für das Projekt hatten.

Als Lichtplanungsbüro hat Steensen Varming bereits Erfahrung im Bereich Gesundheitswesen – auch in der Lichtgestaltung für psychiatrische Einrichtungen – und Zugang zu einer ganzen Bibliothek an Richtlinien, Fachbüchern und Bauunterlagen zum Thema Anforderungen für Heilanstalten. Die Planer besichtigten vergleichbare Projekte und konnten aus früheren Aufträgen aufbauen . Einzelne Planer im Team beschäftigen sich intensiv mit den Forschungserkenntnissen zur Wirkung von Licht auf Mensch und Gesundheit, besuchen Konferenzen zu diesem Thema und recherchierten Artikel und wissenschaftliche Beiträge hierzu. Es war ihnen bewusst, dass es eine große Verantwortung ist, das Licht für eine psychiatrische Klinik zu planen und dass es wichtig war, sich sehr gut auf die Aufgabe vorzubereiten. Das Lichtkonzept ist auf die speziellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten, trägt zur Gestaltung einer gesunden und freundlichen Umgebung zu und unterstützt die Orientierung und die Wegführung. Es wurde generell warmweißes Licht eingeplant – besonders in den Schlafzimmern der Patienten – um das Wohlbefinden zu fördern und Ähnlichkeiten mit wohnlichen Räumlichkeiten oder Hotelumgebungen zu entwickeln und eine sterile, klinische Atmosphäre zu vermeiden. In Gemeinschaftsbereichen wie Verkehrsflächen, Treffpunkten und Mehrzweckräumen wird die wahrgenommene Helligkeit und Leuchtdichte der Raumflächen durch verdeckt montierte Wandbeleuchtung sowie durch neutralweiß oder kaltweiß hinterleuchtete „Oberlichter“ erhöht. Die Innenräume wirken hell und freundlich, unterstützen so verschiedene Sehaufgaben und erhöhen die Konzentration. Die hellen Oberflächen ergänzen das einfallende Sonnenlicht. Möbel-integrierte Beleuchtung liefert Licht in Bereichen, die höhere Beleuchtungsstärken für bestimmte Sehaufgaben erfordern und bietet mehr Möglichkeiten zur individuellen Steuerung des Lichts in der jeweiligen Umgebung. Lineare vertikale Wandeinbauleuchten, in einigen Fällen als Erweiterung horizontaler Linien in der Deckengestaltung, sind neben den Türen zu den Patientenzimmern montiert. Sie markieren die Eingänge zu den Zimmern und sind gleichzeitig Eingangshinweis zur Orientierung in den Gängen und Fluren. Die Umgebung sollte für die Zielaltersgruppe geeignet sein: Bunte Wände und großformatige Grafiken sind Teil des Architekturkonzepts. Diese gestalterischen Mittel dienen auch zur Orientierung innerhalb der Klinik. Geschickt integrierte Wandbeleuchtung wertet die warmen Farben und die Oberflächenstrukturen der Innenräume auf und unterstützt die Lesbarkeit der Einrichtung. Eine vertikale Beleuchtung unterstützt die Gesichtserkennung. Dies hilft den Patienten in den Momenten, wo sie sich gestresst oder ängstlich fühlen, weil sie sich in einer neuen Umgebung befinden.

Egal wie lange der Aufenthalt in der Klinik sein wird, ist es für jeden Patienten zunächst ein Überwindung, sich in Behandlung zu geben. Das Gefühl unsicher, ängstlich, unerwünscht oder eingeschlossen zu sein kann zu einer Verschlechterung der Symptome führen, aber die Zustände und Dilemmas, die ein Patient zu Hause erlebt hat, liegen tief in ihren Erinnerungen vergraben. Das Patientenzimmer in der Klinik muss deshalb sowohl angenehm und einladend sein als beruhigend  und bescheiden. Äußerst wichtig ist der Blick nach draußen. All diese Faktoren zusammen können dazu führen, dass der Patient das Zimmer als seinen eigenen Raum betrachtet, wo er sich geborgen, wohl aufgehoben und im positiven Sinne des Wortes „besonders“ fühlt. Eine saubere, freundliche Umgebung, eine moderne Ausstattung, ein Hauch Farbe, Kontakt zur Außenwelt – sie alle deuten darauf hin, dass das Zimmer ausdrücklich zum Wohl des Patienten gestaltet wurde.
Die Beleuchtung spielte eine wesentliche Rolle bei dem Gesamteindruck der Architektur und der Innenraumgestaltung. Sie war ein entscheidender Faktor zur Erzeugung der passenden Stimmung. Die Leuchten am Kopfende des Betts sind ein integraler Teil der Formensprache der Innenraumgestaltung und -Ausstattung. Vertikale Flächen werden von Einbauleuchten erhellt, die eng an den Wänden montiert sind. So werden die klaren Linien der Innenarchitektur verstärkt und die Decke bleibt frei von störenden Elementen. Diese Lichtlösung ist blendfrei und verursacht keine Ablenkung, was auf den Patienten beunruhigend wirken kann. Alle Leuchten sind entweder bündig in die Raumflächen installiert oder verfügen über einen sehr schmalen Rand, um das Ligatur-Risiko zu eliminieren.

Das Projekt stellte für die Lichtdesigner zwei große Herausforderungen dar. Erstens: Einen hochwertigen, einladenden Innenraum zu gestalten und gleichzeitig die für eine Klinik erforderliche Funktionalität zu liefern. Die technischen Anforderungen wurden dadurch erzielt, dass eine geeignete Lichttechnik zur Anwendung kam: Anti-Ligatur-Einbauleuchten, die bündig mit der Decke/Wand montiert sind, energieeffizient und wartungsarme Leuchtmittel, bewusst definierte Leuchtenpositionen (zum Beispiel normgerechte Arbeitsplatzbeleuchtung) und eine spezifisch für den Krankenhausbedarf konzipierte Lichtsteuerung. Die Detailarbeit zur Integration der Beleuchtung in die Architektur sowie eine durchdachte Leuchtenanordnung (ausschließlich Wandbeleuchtung oder in einigen Räumen Lichtmuster auf der Decke) und genau definierte Lichtfarben trugen alle dazu bei, die gewünschten, im Entwurf festgelegten Raumstimmungen zu generieren.

Gerade diese Herausforderung machte das Projekt für die Lichtdesigner besonders interessant und durch die gute Zusammenarbeit mit den Architekten – und die Tatsache, dass das Planungsteam ein gemeinsames Ziel hatte – wurde der Gesamtprozess für alle bereichernd. Die zweite Herausforderung lag darin, die gewünschte Gestaltung und hohe Qualität unter den gegebenen Projektbedingungen zu erzielen. Bei Entwurf und Bauausführungs-Projekten werden Anregungen seitens der Lichtplaner eingeschränkt. Der Bauunternehmer darf Änderungen im Design vornehmen und alternative Leuchten auswählen oder Entscheidungen zu den endgültigen Leuchtenanordnungen treffen. Um sicher zu gehen, dass der Bauunternehmer das Lichtkonzept im Sinne der Lichtdesigner realisierte, erstellten die Lichtdesigner innerhalb des überschaubaren zeitlichen Rahmens, der für die frühen Planungsphasen eingeplant war, Ausschreibungstexte und technische Hinweise für jeden Bereich sowie Leuchtenanordnungen und Produktspezifikationen und Konzeptzeichnungen. Letztere zeigten nicht nur die Leuchtenanordnungen, sondern stellten das erwünschte Ergebnis auch bildlich dar, damit die Handwerker und Elektriker es besser nachvollziehen konnten. Alle Leuchtenpositionen und Hinweise zur Montage wurden in Detail angegeben, mindestens als Skizzen.

Das Projekt wurde 2012 als „exzellentes Beispiel für patienten-basiertes Design“ mit einem World Architecture News Preis in der Kategorie Gesundheitswesen ausgezeichnet. Menschen, bei denen es ärztlich festgestellt wurde, dass sie schwere psychische Störungen haben oder an dauerhaften Geisteskrankheiten leiden, sind auch gefährdet, sich weitere körperliche Krankheiten zuzuziehen wie Herzleiden, Diabetes, Infektionen, Atemwegserkrankungen und Fettleibigkeit. Dieses Projekt zeigt, dass ein Krankhaus mit den dazu gehörenden funktionalen und technischen Anforderungen durch eine gute Architektur, Innenraumgestaltung und Lichtplanung zur „heilende Umgebung“ werden kann. Durch den hier verwendeten Designansatz werden die Räume weniger institutionalisiert, bedrohend und klinisch und eher behaglich und einladend. Für viele der jungen Patienten im Spital St. Vincent in Sydney ist es vielleicht das erste Mal im Leben, wo sie das Gefühl haben, sie sind wichtig und bekommen positive Aufmerksamkeit. Die Klinik und vor allen Dingen die Patientenzimmer sind mit viel Einsicht und Sorgfalt geplant und realisiert worden. Auch bei langwierigen und intensiven Behandlungen kann sich der Patient in die eigenen vier Wände zurückziehen und sich dort wohl fühlen. Die Gefahr, dass er sich verstecken will oder versucht, sich aus Verzweiflung Schaden zuzufügen, ist sehr gering. Insofern ist dieses Projekt ein hervorragendes Beispiel dafür, was die Planer solcher Einrichtungen für eine große Verantwortung tragen.

Bis dato berichtet die Klinik über „ hervorragendes Feedback sowohl von den Ärzten als auch von den Patienten“. Ein kleiner Schritt für den Menschen und ein riesiger Sprung für … Sie wissen ja. Jeder von uns zählt und dieses Projekt ist definitiv ein gutes Beispiel für die Maxime.

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