Kommentar: Brexit in Lichtgeschwindigkeit?

29. Jun 2016

Was passiert nun in der Lichtdesignwelt in Großbritannien?

von Richard Taylor

RT - 4

Ich möchte meine Worte mit Vorsicht wählen, denn ich wirklich nicht polarisieren möchte, aber nach dieser wohl bedeutendsten Entscheidung einer europäischen Nation in der Nachkriegszeit stellt sich nun die Frage für die Lichtdesignbranche, „was bedeutet dieses für unsere Lichtwelt?“

Wie viele, wenn nicht alle meiner Freunde, Kollegen und Bekannten der Lichtindustrie war ich von dem Ergebnis des Referendum überrascht. Ich möchte nicht spekulieren, ob die Behauptungen der einen oder anderen Seite zutreffen oder nicht – das wird die Aufgabe von Politikern, Juristen und später von Historikern sein, aber bis 2 Uhr am Freitagmorgen war ich der festen Überzeugung, dass Großbritannien Mitglied der EU bleiben würde. Mit dem Eintreffen der Auszählungsergebnisse und als berichtet wurde, dass die Wählerstimmen in rauhen Mengen einströmten, bin ich gegen 4 Uhr ins Bett gegangen. Ab 5:30 saß ich erneut vor dem Fernseher, um dann letztendlich die letzte Bestätigung zu bekommen, dass der Artikel 50 des Lissabonvertrages bald in Sicht sein könnte. Also, was ist passiert und was wird nun folgen?

Im Jahr 1992 habe ich Großbritannien verlassen, um meinen Weg in den Bereichen Produktdesign, Herstellung, Marketing und Strategie bei Leuchtenherstellern einzuschlagen. Ich habe in zahlreichen Nationen der EU und weltweit gearbeitet und gelebt. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich heute nicht an dem Punkt wäre, ohne die Freiheit andere Menschen, andere Kulturen, andere Sichtweisen und auch andere Sprachen kennengelernt zu haben. Als stolzer Bürger Manchesters habe ich mich dank dieser Möglichkeiten stark entwickelt. Während diese Möglichkeiten auch in der Zukunft hoffentlich weiterbestehen werden, kann man aktuell nicht genau voraussehen, wie sie in der Zukunft aussehen können. Noch immer unterstütze ich freiwillig weltweit Initiativen für Ausbildung unserer Branche. Diese hat mich als Mensch geprägt und daher ist die Basis dieses Beitrags.

In weniger als drei Stunden nach dem die Ergebnisse des Referendums in der Öffentlichkeit bekannt gegeben wurden, haben mich zwei meiner bedeutendsten Kunden angerufen und ihre Besorgnis zum Ausdruck gebracht, in dem sie umfassende Investitionen in Großbritannien gekippt haben. Panikmache? Keineswegs, lediglich eine neue, wenn auch zwischenzeitliche Realität. Das Ergebnis des Referendums bedeutet, dass diese Entscheidung zunächst bis 2017 zurückgestellt wird, in der Unsicherheit, was auch immer von Großbritannien übrig geblieben ist auch im Einklang mit der EU steht. Wer kann es ihnen verdenken?

Als Fachleute der Lichtbranche freuen wir uns nicht immer über die Richtlinien der ENEC oder CE, aber sie bieten uns eine gemeinsame Grundlage für die Ausbildung, die Diskussion, bei Ausschreibungen und für ein Verständnis der Gesamtsituation. Mir ist klar, dass der ein oder andere erklären wird, dass sich nichts ändern wird, dennoch ist es schwer sich vorzustellen, wie realistisch die „Befreiung“ des Vereinigten Königsreichs von der Brüsseler Bürokratie sein wird, wenn gleichzeitig für britische Designer eben diese Regeln in der täglichen Arbeit Fortbestand haben. Hersteller auf beiden Seiten der Nordsee werden kaum getrennte Produktpaletten für britische und europäische Leuchten aufbauen. Ich weiß, dass eine große Anzahl von speziell in London ansässigen Designer zahlreiche Projekte im Mittleren Osten und in Asien betreuen – welche Richtlinien sollen sie hier anwenden? Die British Standards Institution ist harmonisiert mit europäischen Normen. Wollen wir also nun unsere eigenen Richtlinien und Normen neu schreiben? Das wird nicht passieren und erstrebenswert ist es auch nicht.

Die Gemeinschaft der Lichtdesigner und Ausschreibenden ist nicht groß. Jeder, der PLDC, Light+Building oder jede andere Veranstaltung besucht hat, war für mein Empfinden beeindruckt und begeistert von der Atmosphäre der Internationalität und von dem Verschmelzen der Kulturen und Ansichten in den Hallen und den Vortragsräumen der Veranstaltungen. Die Welt wächst enger zusammen. Der Brexit ist kein Schritt in diese Richtung, es sein denn, „Unabhängigkeit und Freiheit von _____ [bitte füllen Sie Ihre persönliche Ansicht ein] eine völlig andere Bedeutung hat als die, die uns gemeinsam ist.

Fraser

Zeichnung zum Brexit: Francesco Iannone

Bezogen auf die faktischen und sofortigen Auswirkungen, mindestens bis die verbliebene Regierung entscheidet, was sie aus dieser vertrackten Situation macht: Was wird passieren?

•    Während ich hier diese schreibe, ist der britische Pfund gegenüber dem Dollar auf dem niedrigsten Niveau seit 2007 und ist um mehr als 12% gegenüber dem Euro seit Jahresbeginn gefallen. Diese Tatsache macht die Beschaffung von Komponenten für britische Hersteller teurer und den Import ohnehin. Wir leben und arbeiten in einer vernetzten Welt – in Großbritannien produzieren wir weder LEDs noch viele Treiber, also werden sie noch immer von Übersee als Rohstoffe eingeführt, die dann die Komponenten für unsere Produkte bilden. Wird sich die Situation erholen? Ich bin Ingenieur und kein Finanzexperte, aber The Economist, den ich lese, seitdem ich acht Jahre alt bin, glaubt, dass es sehr lange brauchen wird.
•    Es ist sehr wahrscheinlich, dass die EU-Förderung für Projekte in Großbritannien sehr rasch zurückgefahren werden wird und für eine Reihe von großen, wertvollen und spannenden Projekten eine finanzielle Herausforderung werden wird. Durch die Streichung der britischen Beitragszahlungen an die EU wären einige der großartigen Projekte in ganz Europa, an denen britische Planer gearbeitet haben, nicht möglich – die Zukunft dieser Projekte, mit Deutschland als verbliebener großer Nettozahler, ist ungewiss. Sollen einige dieser Nationen einen neuen Flughafen erhalten oder Bahnhöfe? Nun, haben britische Projekte in der Vergangenheit EU-Fördermittel benötigt und erhalten? Das Leben besteht in fast jedem Bereich aus Geben und Nehmen.
•    Obwohl das Reisen nach Großbritannien billiger werden wird, reisen wir doch üblicherweise zu unseren Kunden. Als Mitglied des beratenden Komitees des größten britischen Flughafens kann ich nun nicht sagen, wieviele Menschen wissen, inwieweit wir als Nation Vorteile genießen von der “Open Skies” Vereinbarung und dem “nine freedoms” innerhalb Europa, aber aus Sicht eines Profis kann ich mir nicht vorstellen, dass die Preise für Flugtickets eine andere Richtung einschlagen als nach oben oder wie Schlangen an den Grenzen nun kürzer werden sollen.
•    Zu alle dem bin ich sehr beunruhigt über die Auswirkungen auf die nächsten Generationen von Lichtdesignern. Der Beruf ist leider unterbewertet, doch äußerst wichtig für die Qualität unserer gebauten Umwelt im Innen- und Außenraum und ohne diese Arbeit und Forschung wird unsere Branche ärmer. Das EU Erasmus-Programm unterstützt grenzübergreifende Studien und auch ich habe von diesem Programm in den frühen 90ern profitiert. Wir brauchen Lichtdesign und Lichtdesigner! Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie ein unabhängiges Großbritannien sich anmaßen kann, ein Teil des Netzwerkes zu bleiben, ohne dieses auch weiterhin als Nicht-EU-Nation zu unterstützen.

Weil jede Diskussion mindestens zwei Seiten hat: Was kann uns dieses positiv bringen? Es wäre schön zu denken, dass sich britische Leuchtenhersteller entwickeln und auf der internationalen Bühne konkurrieren werden können. Wir haben die Zugbrücken nicht hochgezogen, so dass ein billigeres Britannien für ausländische Investitionen aus Übersee interessanter werden könnte, um hier Produkte zu entwickeln und herzustellen. Rein hypothetisch betrachtet: Wenn einige der genannten Einsparungen für Nichtzahlungen an die EU in die Ausbildung, Forschung und Entwicklung  kanalisiert werden würden, könnte Großbritannien die Position als Kernland für Lichtforschung einnehmen. Diese sind langfristige Ambitionen, aber es wäre töricht, diese aufzugeben.

Was nun passiert hängt von unseren politischen Führungen und ihren Parteien ab und es ist absolut möglich, dass bei weiterer Entwicklung die kommenden Schritte völlig anders aussehen werden als dieses derzeit erscheint.

Nichts ist derzeit klar definiert und sowohl die Menschen wie auch das Volk sind belastbar, so dass ich denke, dass die Dinge sich beruhigen werden. Die europäische Lichtbranche wird nicht aufgeben und Lichtdesigner, Ausschreibende und Hersteller sind alle offen für Geschäfte. Zu gleicher Zeit glaube ich, wenn der Total-Brexit, der nur geringen öffentlichen Zuspruch findet, nicht in ein völlig anderen Superleicht-Brexit umgestaltet wird, werden die Dinge lange Zeit anders sein, da Unsicherheit, Schuldzuweisungen, Abspaltung und  Verbitterung für jede Gruppe einen vergifteten Kelch darstellen.

Richard Taylor richard@graphicstrategy.net

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1 Comment / Kommentar on "Brexit in Lichtgeschwindigkeit?"

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Bernhard Hnida
Guest / Gast
Dann last uns mal hoffen das der light brexit in Form eines Kelchs an uns allen vorbei geht und stattdessen die Vernunft und ein total exit vom brexit das Ergebniss sein wird. Ein bisschen schwanger macht mir angst. Was kommt da bei wohl raus ? Gruselig!! Ich habe die Hoffnung das daß belogene britische Volk ihre Lügner und Augenwischer bestraft und sich erfolgreich gegen die erlogene Entscheidung stellt und die in den TOWER steckt die es mit falschen Argumenten belogen und in die irre geleitet hat. Ein schönes Europäisches Projekt wäre zum Beispiel „Politiker Faktenchek“ eine Argumentations beurteilung auf wissenschaftlichem… Read more »
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