Auftraggeber: Tianjin Binhai Municipality

Architektur: MVRDV und TUPDI - Tianjin Urban Planning and Design Institute

Innenarchitektur: TADI interior architects

Bautechnik: Sanjiang Steel Structure Design

Lichtgestaltung: Huayi Jianyuan lighting design

25. Apr 2018

Neubau der Tianjin-Binhai-Library in Binhai/CN.

Text: Jo-Eike Vormittag
Photos: Ossip van Duivenbode


Bücher im klassischen Sinn sind vom Aussterben bedroht. E-Books, digitale Medien oder das Internet machen Büchersammlungen obsolet. Und mit jedem neuen Eintrag bei Wikipedia oder Google Books haben es auch die ursprünglich hochehrwürdigen Institutionen namens Bibliotheken schwerer, die mit ihren Sammlungen als Ort der Informationsbeschaffung und des Bildungsgewinns an Bedeutung verlieren. Bibliotheken stehen unter Druck; sie brauchen ein neues Image. Eine Chance haben sie entweder, weil sie historisch und staatlich Schwergewichte in der Branche sind oder, weil sie modern sind und den Kampf aufgenommen haben, indem sie sich zum Kulturort für Kommunikation, Dienstleistung und Veranstaltung wandeln.

Die Tianjin-Binhai-Library in China ist eine öffentliche Bibliothek und ganz neu entstanden, was ihr im Kampf um Bedeutung einen Vorteil verschafft. Um ihre Geschichte aber im Ganzen zu erzählen und sie in den lichtgestaltenden Kontext einzusortieren, blicken wir auf den Ort beziehungsweise die Umgebung, das Gebäudeexterieur und vor allem -interieur und natürlich Medien.

Bei Binhai handelt es sich um den neuen, boomenden Stadtbezirk der Küstenmetropole Tianjin, die wiederum eine provinzielle Verwaltungseinheit im Norden Chinas ist. Dort, wo Binhai vor einigen Jahren entstand, wurden zuvor drei andere Bezirke aufgelöst. Das Bibliotheksgebäude befindet sich im kulturellen Zentrum des Bezirks neben einem Park und gehört zu einem Komplex von insgesamt fünf Kulturbauten, die von einem internationalen Architektenkader entworfen wurden. Sie sind durch einen öffentlichen Korridor mit Glasdach verbunden und entstanden, basierend auf einem Masterplan, unter strikten Designvorgaben. Der fünfstöckige Bibliothekbau hat eine Oberfläche von 33 000 Quadratmetern. Für die Errichtung gab es einen engen Zeitplan, weshalb die Tianjin-Binhai-Library in einer Rekordzeit von drei Jahren fertiggestellt wurde. Als Schnittstelle zwischen Park und Stadtviertel kann die Bibliothek sowohl von der Vorder- als auch der Rückseite betreten werden. Die Eingänge sind Bestandteil riesiger Glasfassaden, die, trotz enger Bebauung auf der Seite zum Komplex hin, viel Tageslicht ins Innere und gleichzeitig das außergewöhnliche Interieur mit der Außenwelt interagieren lassen. Innerhalb beider Eingangsfassaden ist eine große ellipsenförmige Aussparung gelassen … und wie ein Augapfel befindet sich im Innenraum zentral dahinter eine leuchtende Kugel. Außen- und Innenwelt gehen so eine inhaltlich bedeutsame, visuelle und lichtstarke Verbindung ein.

Das punktierende, sphärische Element der Bibliothek ist Ausgangs- und Mittelpunkt. Bücherregale als Hauptinstrumente sind auf beiden Seiten der Kugel – jeweils den Längsseiten des Gebäudes – zu den Ein- beziehungsweise Ausgängen hin angeordnet. Sie machen, neben der Kugel, den wesentlichen Teil des Interieurkonzepts aus: vom Boden an und gleichzeitig als Treppe und Sitzplätze fungierend setzen sie sich in der Raumhöhe fort. Ab der Hälfte allerdings beginnen sie hinauszuragen, um stufenartig zur Decke zusammenzuwachsen; die Konturen sollen an Höhenlinien topografischer Karten erinnern. Tatsächlich mit Büchern ausgestattet sind nur die unteren, erreichbaren Regale. Darüber suggeriert lediglich Dekorfolie den Eindruck, es handele sich um Bücher. Schade eigentlich! An diesem Punkt verliert der erste Eindruck durch das Wissen der zweidimensionalen Folie an Kraft und Tiefe. Und das auch im wahrsten Sinne des Wortes. Doch mehr Realität hätte womöglich einen Documenta 2017/Athen-Effekt ausgelöst. Im Rahmen der weltbedeutendsten Kunstausstellung Documenta in Kassel/DE wurde neben anderen Projekten ein von der argentinischen Künstlerin Marta Minujin „Parthenon der Bücher“ errichtet. Interessant und kostspielig, doch leider wirtschaftlich sowie fürs Image ein Verlust.

Die Regale schaffen eine weiße Stufenstruktur, die durch die Beleuchtung einen ersten Aha-Effekt bewirkt und durch die bunten Bücherrücken gleichzeitig für Farbe und ein reizvolles Sammelsurium sorgt. Die Reflektionen sind ausreichend, um den gesamten Raum mit Licht zu füllen. Außerdem verbinden sie sich zusätzlich mit der Außenwelt, indem sie die Glasfassaden durchbrechen und sich draußen an ihnen entlang sowie auf identischen Höhen zu den Regalen im Innern als Fassadenelement fortsetzen. Sie verwandeln sich zu Luft- und Lichtschlitzen, um den Innenraum vor übermäßigem Sonnenlicht zu schützen, aber eine angenehm helle und gleichmäßige Beleuchtung zu kreieren. Die Regale im unteren Bereich sind selbst jeweils im Überhang mit handbreiten Lichtlinien ausgestattet, die auf der gesamten Länge der Kontur folgen und die darunter stehenden Medien sanft anleuchten. Die Beleuchtung ist komplett integriert, die Leuchtquellen sind von einem opaken Weißglas abgedeckt. Für die Regale im oberen Bereich sind Leuchten ebenfalls auf den Überhängen, aber nach oben abstrahlend, montiert. Zusätzlich gibt es vereinzelt Deckeneinbauleuchten. Die Lichtlinien haben Unterbrechungen – sei es aus technischen oder gestalterischen Gründen. Auf den weißen Oberflächen entstehen Schatten.

Die Größe des Gebäudes war ein unveränderlicher Teil der Vorgaben. Also öffneten die Architekten das Haus, um die Kugel durch das Auge in das Erdgeschoss „hineinzurollen“. Sie dient als Auditorium und ist entsprechend begehbar. Ihre reflektierende Oberfläche, die in verschiedenen Farben beleuchtet werden kann, vergrößert das Atrium räumlich. Natürliches Licht fällt durch ein direkt darüber liegendes, großes Dachfenster, das in einen Lichtschacht übergeht, ein. Ist die Kugel indes im kunstlichtlosen Ruhezustand, wirkt und schimmert sie wie eine Perle.

Über dem Atrium, in den folgenden Stockwerken, sind hinter den Regalen kleinere Lesesäle, Arbeitsplätze und Aufenthaltsbereiche untergebracht. Unterhalb des Dachs folgen nochmal Versammlungsräume, Büros, Computer- und Audioräume sowie zwei Dachterrassen. Aufgrund der kurzen Bauphase musste ein wesentlicher Teil des Konzepts verschoben werden: ein Teil der oberen Regale sollte ebenso Bücher beherbergen und durch die dahinterliegenden Räume zugänglich sein. Nun hilft die Dekorfolie aus, das Problem zu kaschieren. Der Bauschritt soll in Zukunft nachgeholt werden.

Um welchen der beiden genannten Bibliothektypen es sich bei der Tianjin-Binhai-Library handelt, ist klar. Sie gehört zum Typ „Brandneu“ und kann somit ein paar vermeintliche Vorteile für sich vereinen. Die einen nutzt sie, die anderen weniger. Sie ist als Neugeburt zum Glück nicht bloß reine Bibliothek, sondern flexibler Kulturort – wobei ihr dabei auch der kulturelle Komplex um sie herum beispringt. Tageslicht weiß sie zu schätzen und effektiv zu nutzen. Auch wenn die eine Gebäudestirnseite durch Zubau ungünstig dunkler ist als die andere – die Glasfassaden leiten das Tageslicht ins Innere und durch das Atrium hindurch.

Damit die Strahlung nicht zu hell ist, fungiert ein eigentliches Interieurelement – die Regale –, als vorsichtiger Lichtschutz im gesamten Architekturkonzept. Solche Interaktionen zwischen Innen- und Außenwelt erzeugt auch das markante „Auge“ mit seinem „Augapfel“, welches von innen beleuchtet ist und über dem sich direkt ein Dachfenster mit Lichtschacht für Tageslicht befindet. Das Buch als zentrales Medium wird schon von weitem sichtbar zum Teil der Architektur. Leider nicht, weil es vom Licht so in den Fokus gerückt wird, sondern weil es eben massenhaft und zum Großteil nur als Dekorfolie dargestellt wird. Ein sonderbarer Stil sowie zugleich Vor- und Nachteil der Tianjin-Binhai-Library. Die weitere Lichtgestaltung im Gebäudeinneren lässt zu wünschen übrig. Das Licht der eigentlich durchlaufenden Lichtlinen ist immer wieder unterbrochen, auf weißer Oberfläche teils fleckig und dementsprechend nicht immer geschickt eingesetzt. Manchen Regalen und Bereichen fehlt gar ganz die Beleuchtung. An anderer Stelle, wie zum Beispiel in Durchgängen zu Räumen hinter den Regalen, erzeugen große rechteckige Einbaudeckenleuchten trotz opaker Abdeckung ein grelles Licht. Unterstützt werden sie dabei von reflektierenden Flächen wie Glasgeländern und Boden. Fehlende Beleuchtung im unteren Bereich bedeutet einen deutlichen Verlust an Homogenität für den Gesamtraum. Das Projekt wirkt irgendwie halbfertig. Für ein neues Image steht diese Bibliothek zweifelsfrei ein. Doch Augen auf: weniger zeitlicher Entstehungsdruck und somit mehr Möglichkeiten professioneller Lichtgestaltung zugunsten der Architektur, Nutzer und Medien zu planen und integrieren, hätte der Tianjin-Binhai-Library sicherlich noch mehr Vorteile gebracht, so dass ihr Beitrag gegen das Büchersterben mit immerhin einer eigenen Kapazität für 1,2 Millionen Bücher schließlich noch größer hätte sein können.

Die zentrale Kugel ist ebenso ein selbstleuchtendes Element und – wie mag es anders sein – könnte auch farbig leuchten. Interessanterweise findet man in den Medien kaum eine Aufnahme in Farbigkeit. Wohl deshalb, weil die Kugel in der Rundum-Beleuchtung den Raum erfassen und das Konzept ganz erschlagen würde. Billiges pink oder, noch schlimmer dynamischer Farbwechsel, würden die Architektur vollends vernichten. Aber das ist angesichts der fehlenden Bildbelege oder aber der noch zum Glück nicht durchgeführten Realisierung aktuell nur eine Vermutung …


 

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